wartebereich

Elke Bludau 2017

Anamnese: Sprachlosigkeit, Müdigkeit, Hilflosigkeit, Wut, Traurigkeit
Vorfall: Artzbesuch mit Mutter, die auf den Rollstuhl angewiesen ist
Diagnose: u.a. unnötiger Energieraub
Therapie: Sprachlosigkeit mit Worten heilen

 

einen-transportschein-für-ihre-mutter-können-wir-hier-nicht-ausstellen-da-müssen-sie-sich-an-ihren-hausarzt-wenden
nicht schon wieder ein graben. ich bin dünnhäutig, feinnervig, fertig. mein herz will herausspringen und vor ort explodieren. der ort ist die betongraue anmeldetheke zwischen unseren standpunkten. worte fliegen, kreuzen sich, aufschlag. was ich höre ist servicewüste, labyrinth und trockenherz. ich verweigere mich der bittstellerei, argumentiere. die theke spricht schärfer, entschiedener, wird höher und grauer, unüberwindbar – und verweigert den schlagabtausch. basta.

mein hals schnürt die worte ungesagt, verschluckt unflätigkeiten. meine augen werden heiß, wut taucht durch die müdigkeit. ich sitze tief in meinen augenhöhlen, der hals wird eng. ich sagte, ich bin dünnhäutig und ärgere mich selbst am meisten darüber. natürlich, das kommt hinzu.

wir rollen ein in wartebereich 1. unglaublich. zehn ärzte arbeiten hier, fällt keinem etwas auf? jede schraubenfabrik hat mehr charme. kurzflor teppich in anthrazit (übrigens: es gibt kein neutrales grau). matte weiße wände korrespondieren mit allem in dir, was fahl ist. kurzflorig. stühle sind reihum mit menschen an der wand aufgestellt. zwischenzeitlich. warten auf zuruf. für manchen zu leise, also nochmal. derweil starren alle stuhlmenschen auf display oder kurzflor. nichts goldenes in der mitte, kein blickspiel. ist ja auch keiner zum spaß hier – obwohl: das hier ist hno und nicht kardiologie.

ich beobachte meine mutter, diese elegante, feine frau. hier möchte man keine böse diagnose bekommen, dann ertrinkt man. eiswasseraquarium, stumme kalte fische. atmet, was hält euch hier so eng? seid ihr auf den stühlen angeschraubt, in harz gegossen?
auch ich transformiere, schaue auf die uhr aus zeitvertreib. meine güte.
ein wartezimmerchamäleon nimmt farben an, wandmatt und grau. kleiner atmeradius, jede bewegung scheint zu entlarven, whatsoever. ein lautes lachen hätte die wirkung eines erdbebens. vermutlich, denn keiner setzt sich aus.

aufruf zu wartebereich 2, hohe kunstlederne schwarze wandstühle in nischen. rechter winkel. der arzt öffnet die tür: deshalb sind wir hier. könnte ich bitte einen transportschein bekommen?

nach der untersuchung: alles ok. wir fahren aus dem arztzimmer an wartebereich 2 und 1 vorbei, quirlig wie fische, die ins fließende gewässer gekippt worden sind. wir schwimmen an die theke, bekommen den transportschein auf geheiß von oben. kurzfloriger triumph, ich spüre den zug in meinem kiefer. und-klären-sie-das-mit-ihrem-hausarzt-ab ruft die kunststofftheke mir nach. ich schreibe nicht, was ich sagen will.

kein befund, wie gut! wir schwimmen ans licht in bunte luft.