Sich-um-alte-Eltern-kümmern Teil 1-3

Elke Möckel, Coach und Expertin für das „Abenteuer Lebensmitte“ , 2017 schreibt anschaulich über ihre Erfahungen mit einem System, dessen Missstände nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihre Angehörigen ausbaden müssen…

 

Teil 1: Vollmacht und Ohnmacht

Mein Vater hat in weiser Voraussicht für seine beiden Kinder Vorsorgevollmachten erstellt. Für alle Bereiche des Lebens hat er Vorgaben gemacht. Wunderbar! So kam ich an vielen Stellen gut voran.
Mühsam wurde es da, wo sich manche Firmen und Behörden weigerten, diese Vollmacht anzuerkennen. So musste ich die beschwerliche und mehrere Monate dauernde Prozedur einer gerichtlichen Betreuervollmacht angehen. Was vollkommen absurd ist, denn man hat uns nochmals beim Vorsorgegericht bestätigt,die persönliche Vorsorgevollmacht steht rein rechtlich gesehen über der Betreuervollmacht des Gerichtes. Auch wenn sie nicht notariell beglaubigt ist. Sie ist mit der eigenen Unterschrift gültig. „Warum wollen Sie denn so eine Betreuung? Sie haben doch die Vollmacht.“ wurde ich von der Justizangestellten gefragt.
Mein Vater hat im Grunde alles richtig gemacht, aber das wird nicht anerkannt. Das hatte zur Folge, dass mein alter schwer kranker Vater ganze DREI (in Worten: drei!) mal von irgendeiner fremden Person begutachtet wurde. Er selbst kann das gar nicht mehr richtig einschätzen und unvorhergesehene Sachen bringen ihn noch mehr durcheinander.
Er wurde beäugt und befragt. Weil er nicht mehr richtig kommunizieren kann muss ich immer mit dabei sein. Die Termine liegen natürlich so als hätte ich keine eigene Arbeit. Nun, ich bin ja Unternehmerin. Die eigene Firma bleibt dabei auf der Strecke.
Fazit:
Eine gerichtliche Vollmacht öffnet Türen, obwohl sie weniger gilt als der eigene Wille des Betroffenen. Und man kann als Angehöriger nichts machen. Sie weigern sich einfach, das anzuerkennen. Hat mich mehrere Wochen MEINER LebensZeit gekostet. Völlig überflüssig…

 

Teil 2: Gleich und sofort

„Guten Tag, ich rufe an wegen Ihrem Vater. Es geht um XYZ. Wir brauchen da noch diese oder jene Unterlagen/ eine Unterschrift von Ihnen/seinen Medikamentenplan/ die Akten vom Arzt…..“
„Aha“
„Das muss heute noch hier sein, am besten vor 12 Uhr.“
„Wie soll ich denn das machen? Ich bin berufstätig. Können wir das nicht am Telefon machen?“
„Nein, das geht nicht. Aus Datenschutzgründen .“
„Und per Mail?“
„Nein, wir brauchen das Original/ Ihre Unterschrift in unseren Unterlagen…“

Etliche solcher Telefonate habe ich geführt. Es muss immer alles gleich und sofort, heute noch, geschehen. Persönliches Erscheinen erforderlich.
Verständnis? Empathie? Fehlanzeige.
Wenn ich es genau nehme könnte ich locker eine Halbtagsstelle ausfüllen mit der Betreuung meiner Eltern.
Ja, gehts noch?

 

Teil 3: Ärzte, medizinisches Personal und Sozialarbeiter

Als Angehörige pflegebedürftiger Eltern und ausgestattet mit einer vollumfänglichen Vollmacht muss und möchte ich Auskunft erhalten, wenn es um die Gesundheit meiner Eltern geht.

Mein Vater ist aufgrund seiner chronischen Erkrankung nicht mehr in der Lage, richtig zu sprechen. Man versteht ihn schlichtweg nicht. Anders herum ist es so, dass er zwar „ja“ oder „nein“ sagt wenn er etwas gefragt wird, inhaltlich kann er jedoch kaum noch folgen. Seine Aussagen sind also nicht Eins zu Eins verwendbar.

Wie gut, dass seine Tochter- also ich- aussagefähig ist über den Veröauf seiner Erkrankung, seinen Zustand oder über das was er noch selbst verrichten kann. Möchte man meinen.

Folgende Situation: Akut wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Ich bekomme eine Benachrichtigung und rufe umgehend im Krankenhaus an. Weil ich ja weiß wie sein Befinden ist und dass er sich nicht verständlich machen kann möchte ich mit einem Arzt sprechen. Mein Eindruck ist, das wollen sie nur ungern. Ich störe. Sie nehmen einfach seine Angaben, bzw. das was sie meinen zu verstehen. Aus Stolz, Scham, Vergeßlichkeit oder was auch immer berichtet mein Vater was er alles noch so kann. Wird akzeptiert. Ich bringe beim dann doch widerwillig gestatteten Gespräch seine Situation zur Sprache, da müssen dann die Unterlagen korrigiert werden.
In einem Fall sitzt die Ärztin hinter ihrem Schreibtisch und tippt während des gesamten Gespräches mit mir was in ihren Computer. Sie schaut mich nicht an. Alle paar Sekunden lässt sie ein angelerntes zustimmendes „Hm, hm“ hören. Das ist oft so deplatziert dass ich aufhöre zu sprechen, in der Hoffnung, sie nimmt mich endlich mal wahr. Da ist nur Desinteresse und mein Gefühl, ich bin ihr lästig. Sie meint, meinen Vater nicht auf Demenz testen zu können weil man dafür seine Antworten braucht und er sei ja nicht zu verstehen. Daraufhin sage ich ihr, dass er auf der Computertastatur recht gut schreiben könne. Ihre Antwort: „Aber wir haben hier keinen Computer“ Ich bin so irritiert, immerhin kann ich noch entgegnen, dass SIE doch die ganze Zeit an einem Computer schreibe. Das Ganze ist eine Farce! Er wird also nicht getestet.
Die ganze Zeit über denke ich, die Frau braucht dringend eine Auszeit von dieser Klinik. Mindestens 6 Monate. Sie ist so in ihrer Routine gefangen, dass sie gar nicht bemerkt wer da warum vor ihr sitzt. Um den Patienten geht es nicht wirklich, nur um die Verwaltung der Krankheit.

Situation 2: Mein Vater war oft nicht mehr in der Lage, seine Hausärztin oder den Facharzt aufzusuchen. Sein Zustand ließ es einfach nicht zu. Weil sich beide weigerten, Hausbesuche zu machen (ich habe gefragt), wurden die Ärzte gewechselt. Ich habe die neue Fachärztin kontaktiert, um vor dem ersten Termin meines Vaters mit ihr zu sprechen. Denn sie wird ihn ja wegen seines Sprachproblems nicht verstehen.
Die Aussage war“ Das mache ich eigentlich nicht!“ In einem genervten Ton. Gut, es wurde dann ein Termin vereinbart. Der ging voll daneben, denn die Ärztin ließ mich ihre Macht spüren. Nur vollkommen unwillig und ganz kurz gewährte sie mir Audienz. Ich störe, ich bin ihr im Weg. Das kriegt sie nicht bezahlt!
Hinterher hat sie sich übrigens in der Verwaltung der Wohnanlage wo mein Vater lebte beschwert, dass ich da war!

Situation 3: Nach einer OP soll mein Vater zur Reha in eine geriatirische Abteilung. Damit bei der Aufnahme alles gut geht rufe ich vorher an um alle Dinge zu klären, Fragen zu beantworten usw. Reaktion? ICH STÖRE! „Was wollen Sie denn?“ werde ich gefragt und nur unwillig von einem zum anderen weiter verbunden, muss mehrfach anrufen und werde unwirsch abgewimmelt.

Solche Erfahrungen habe ich in den letzten Jahren oft gemacht.
Mein allgemeiner Eindruck ist der, dass ganz viele in diesem System überfordert sind. Sie bräuchten dringend eine längere Pause von ihrem Alltag. Sie sind ungehalten, genervt und machen Dienst nach Vorschrift.
Ich empfinde das als extrem unwürdig einem alten Menschen gegenüber. Eigentlich sollten sie doch froh sein, dass da Angehörige sind mit denen sie kooperieren können. Dem ist aber nicht so. Ich komme ihnen in die Quere, sie mögen mein Nachfragen nicht, ich störe die Routine.
Dabei geht es doch in erster Linie um den Menschen, der ärztliche Hilfe braucht! Scheinbar geht es aber darum eben nicht.