Kunsttherapie und Demenz

Hier möchte ich exemplarisch einen kurzen Einblick in das kunsttherapeutische Arbeiten mit Frau M., einer von Demenz betroffenen Dame, geben, die ich fast 2 Jahre einmal wöchentlich betreut habe.

Zu Beginn jeder Stunde habe ich in der Regel einen ersten „Haltepunkt“ auf das Bild gebracht – eine Orientierung, von der aus das Malen beginnen konnte. Das gehörte dann mit zu unserem Anfangsritual.
Im einem Bild war es z.B. eine Linie, bei der Sonnenblumenserie ein Kreis, dessen Größe Frau M. mitentscheiden konnte. Komplizierteres (wie den Hund) habe ich grob als Silhouette vorgezeichnet. Frau M. hat dann mit dem Malen begonnen und sich ab irgendeinem Punkt alleine zurechtgefunden und es zu ihrem Bild gemacht.
Das selbstständige Fertigstellen der Arbeit war ihr wichtig. Inwieweit man als Kunsttherapeut/in bei Malen unterstützt, hilft oder etwas vorgibt ist abhängig von dem Stadium der demenziellen Beeinträchtigung – aber auch ganz besonders von Charakter und Erfahrungen des von Demenz betroffenen Menschen. Es gilt dabei immer wieder ganz fein hinzuschauen und Schritte abzuwägen, damit eine gute, vertrauensvolle Beziehung entstehen kann.

Jede Sitzung erfordert unterschiedliche Herangehensweisen, denn bei von Demenz Betroffenen ist alles sehr von der Tagesform abhängig – so zum Beispiel auch von einem unangenehmen Erlebnis, was vielleicht kurz vorher stattgefunden hat. Die Wut darüber, die Angst und Verunsicherung kommen durch die Arbeit besser zu Tage und können gemeinsam bearbeitet werden.
Die geschaffenen Bilder sind für die Senior/innen ein wichtiger Aspekt, Stolz empfinden zu können, wo sonst oft ein Gefühl der Abhängigkeit und Demütigung überwiegt. Sie haben etwas geschafft, halten etwas in den Händen. Sie können auch etwas verschenken, ob auf ihrer Station im Altenpflegeheim oder ihren Anghörigen.

Die verschiedenen Stadien der demenziellen Erkrankung lassen sich anhand der entstehenden Bilder ablesen und nachfühlen. Die hier abgebildeten Arbeiten von Frau M. sind ein kleiner Auszug aus einer ganzen Reihe von Blättern, die innerhalb von Monaten entstanden sind. Ich habe in den verschiedenen Phasen der Krankheit sehr Unterschiedliches angeboten, um Frau M. zu erreichen. Es war ihr am Anfang ein Bedürfnis, möglichst gegenständlich zu arbeiten. Das wurde im Verlauf der Erkrankung für sie jedoch zunehmend frustrierender.

In der Kunsttherapie mit abstrakter Malerei zu beginnen, ist für Menschen, die nie künstlerisch tätig waren, zwar eine enorme Hürde, aber gerade in der Demenz kann man mit der dieser Malweise laut Ewa Meier eher Brücken schlagen. Sie hat entsprechende Erfahrungen in ihrem Buch „Reise in ein unbekanntes Land“ dokumentiert. Demnach entfallen beim direkten Einstieg in die abstrakte Malerei Stresssoren, die eine dingliche Darstellung, die nicht mehr gelingen will, mit sich bringt.

Die Bilder von Frau M. wurden nach und nach abstrakter und die Konzentration beim Malen nahm immer mehr ab. Manchmal entstand nur ein Punkt oder eine Linie. Das scheint wenig – für den von Demenz Betroffenen im fortgeschrittenerem Stadium ist es sehr viel. Daran musste ich mich als Kunsttherapeutin am Anfang erst gewöhnen. Erst dann konnte ich den Druck „etwas zu schaffen“, den ich mir selber machte und auf Frau M. übertrug, abbauen. So konnte ich das annehmen, was in dem Moment möglich und machbar war.
Das Entscheidende ist eben nicht ein Ergebnis auf dem Blatt, sondern die Beziehung zu dem vom Demenz betroffenen Menschen. Denn: „Das Herz wird nicht dement“ (Udo Baer).

 

m

ententeich / Frau M., von Demenz betroffen

 

 

hund

blauer hund / Frau M., von Demenz betroffen

 

 

sonnenblumen aus einer ganzen Serie / Frau M., von Demenz betroffen

 

 

diese farbe hat mein tag – angeregt durch Arbeiten von Gotthard Graubner / Frau M., von Demenz betroffen

 

 

diese farbe hat mein tag – angeregt durch Arbeiten von Gotthard Graubner / Frau M., von Demenz betroffen

 

 

landschaft / Frau M., von Demenz betroffen

 

 

wenig ist viel und ist genug / späteres Bild von Frau M., von Demenz betroffen