Elternzeit

Elke Bludau 2017

 

„Du mußt aufpassen, da können gegenseitige Abhängigkeiten entstehen.“
„Besorg Dir doch zusätzliche Hilfe.“
„Demenz ist für die Betroffenen selbst nicht schlimm.“

Viele solcher Ratschläge sind sicherlich gut gemeint, doch berühren sie oft nicht das Wesentliche.
Als betreuende/r Angehörige/r alter Eltern wird man von seiner Umgebung meist als traurig, genervt, erschöpft und dünnhäutig wahrgenommen.
Aber da ist viel mehr: eine ganze Bandbreite an Gefühlen, Erfahrungen und Erkenntnissen, die ausgedrückt oder im Dialog entwickelt werden möchten.

Dem gegenüber steht oft der un/bewusste Reflex der Umgebung das Thema einzutüten, zu ettiketieren, um es möglichst schnell und clean zu entsorgen. Diese Reaktion ist verständlich und geschieht erfahrungsgemäß aus Hilflosigkeit oder Scheu vor dem ungeliebten Thema Alter, Vergänglichkeit und Tod.

r Angehörige ist es nicht nur wohltuend, sondern auch enorm wichtig, über ihre Situation sprechen zu können. Gedanken und Gefühlen im Gespräch ihren Lauf zu lassen oder diese kreativ auszudrücken, hilft zu reflektieren. Das macht es leichter, schwer Fassbares zu begreifen, Einsichten zu gewinnen oder Trost zu finden.
Es braucht Ruhe und Raum, sich das Trauern zu erlauben: über Gutes und Schlechtes, Leichtes und Schweres, Erfülltes und Verpasstes, Vergangenes und Zukünftiges.

fensterohne

Verkehrte Welt: Rollentausch

Jedes Kind alter Eltern schultert sein eigenes, ganz persönliches Päckchen oder Paket. Darin steckt selten nur trauriger Ballast. Zwischen aller Schwere gibt es auch einen Schatz freizulegen und zu benennen – etwas Wertvolles, ein Licht. Etwas, was einen immer begleiten wird.

Betreuende Angehörige brauchen aufrichtige Zuwendung, Zeit und Mitgefühl. Zwischen dem Funktionieren und einem subtilen schlechten Gewissen ist es nicht immer einfach, diese Zuwendung auch sich selbst zukommen zu lassen.

Dabei ist es so essentiell, der Komplexität und dem Zusammenspiel von Gefühlen, seelischen, geistigen und körperlichen Befindlichkeiten Beachtung zu schenken.
Denn alles ist eng und vielschichtig miteinander verwoben: Trauer und Dankbarkeit, Freude und Traurigkeit, Bitterkeit und Herzenswärme, Wut und Niedergeschlagenheit, konkrete und diffuse Erschöpfung. Manches ist davon spürbar und offensichtlich, anderes bleibt verdeckt. Alles verändert sich dabei und wechselt seine Konstellation. Und will gesehen und gewürdigt werden.

Es braucht einen geschützten Raum und gute Begleitung, alles auszubreiten, zu sichten, zu verabschieden, loszulassen oder zu bewahren. Ich kann aus eigener Erfahrung nur empfehlen, dazu auch professionelle, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Das hilft auch, den familiären Lebensweg in seiner Besonderheit zu beleuchten. Ihn zu verstehen und annehmen zu können, ist ein wesentlicher Schritt, um die Herausforderungen der zukünftigen Wegabschnitte zu bewältigen.